Der alte Mann, der die Angst verscheucht

Neugierig näherte sich der Junge dem alten Mann. Man hatte ihm erzählt, er sei der weiseste alte Mann des afrikanischen Kontinents. Er verbrachte seine Tage sitzend unter dem großen Baobabbaum, der die Savanne beschattete. Der Baum war sein Thron, und er selbst der König des heißen, trockenen Landes.
Der Junge hatte große, leuchtende Augen wie schwarze Kristallkugeln, lockiges Haar und eine Haut so dunkel wie die Nacht. Stets lag eine Frage in seinem Blick. Er wollte die Welt kennenlernen; er wollte wissen, wie Afrika war.
Der alte Mann hatte Worte in seinen Falten, seine Hände waren daran gewöhnt, Geschichten zu weben, seine Stimme wusste wie Vögel zu fliegen, wie Sterne zu leuchten und wie Goldfische durch die Schatten zu huschen.
Er erklärte dem wissbegierigen Jungen, dass man Afrika und die Welt nur dann wirklich kennenlernen könne, wenn man alle Geschichten und Legenden höre. Die Worte, die in diesen Erzählungen aus uralten Zeiten überliefert werden, sagen mehr aus, als man auf den ersten Blick vermuten würde.
Sie sind mit Fäden der Nacht geschrieben.
-Und wie soll ich die Geschichten entdecken? Wer wird mir die Legenden erzählen?
fragte der Junge mit dem eifrigen Blick schnell.
Der alte Mann lächelte. In diesem Lächeln lagen Geheimnisse, Weisheit aus der Vergangenheit, Magie aus anderen Welten.
Er füllte den dunklen Tontopf, der ihn stets begleitete, mit einer Handvoll Erde und Kieselsteinen.
Dann hob er das Gefäß über seinen Kopf und schüttete die Erde aus. Sie wirbelte in der Luft und fiel zwischen Unkraut und trockenes Laub. Der Junge lauschte schweigend. Er beobachtete jede Bewegung und jede Handlung des alten Mannes. Er wusste, dass die Geste, die Handlung und das Wort eine magische Bedeutung hatten. Später füllte er das Gefäß mit Wasser und bat den Jungen, ihn zum Fluss zu begleiten, wo er den Inhalt ausschüttete.
-Höre, wie sich die Erde mit dem Wind vermischt.
Entschlüssele die Worte, die die Wassermassen sprechen, während sie andere Wassermassen mit sich reißen.
Er meinte es sehr ernst. Er wusste, dass er dem Jungen die Bedeutung dessen vermitteln musste, was die Erde uns sagen will.
-Jeder in Afrika weiß, dass man nur auf das Land hören muss. Die Geschichten sind in ihm.
Die Worte des alten Mannes schienen an den Zweigen des großen Baobabs zu haften.
-Geschichten bergen Geheimnisse. Jedes Wort erfüllt einen Zweck, der weit über das bloße Aussprechen und Verwehen durch den Wind hinausgeht. Worte können töten oder in kalten Nächten die Ohren streicheln.
Wenn wir die Natur schlecht behandeln, gehen die Geschichten verloren.
Es ist das Land, das zählt, denn dort sind die Geschichten entstanden; deshalb sagt man in Afrika, dass Geschichten erzählt werden, um die Angst in den Schlaf zu wiegen...

Aus dem Buch Afrikanische Geschichten, um die Angst einzuschlafen von Ernesto Rodríguez Abad.
Ernesto Rodríguez Abad. ist ein spanischer Schriftsteller von Teneriffa (Kanarische Inseln) und seit 1980 Professor für Literatur und Theater an der Universität La Laguna.
Er schrieb Afrikanische Geschichten, um die Angst einzuschlafen (2013) — eine Sammlung kurzer, von der afrikanischen Kultur inspirierter Geschichten mit eigenen Illustrationen des Autors. Es sind zehn Geschichten, die der afrikanischen Kultur gewidmet sind und vor allem von verschiedenen Ängsten erzählen: der Angst vor Monstern, wilden Tieren, dem Unbekannten, unerforschten Dschungeln, inneren Zweifeln und sogar der Angst vor dem Einschlafen. Das Buch richtet sich an Kinder und Jugendliche (8–14/15 Jahre) und verbindet Mythisches mit Sozialem.
Das Interesse von Ernesto Rodríguez Abad an der afrikanischen Kultur ist sowohl durch die geografische Lage der Kanarischen Inseln als atlantische Brücke zwischen Europa, Amerika und Afrika als auch durch seine berufliche Leidenschaft für die Traditionen der mündlichen Überlieferung (tradición oral) begründet.
Im Zentrum seiner Arbeit steht die westafrikanische Tradition der Griots (Reisende Erzähler und Hüter des kollektiven Gedächtnisses). Für ihn sind Geschichten keine bloße Unterhaltung, sondern Werkzeuge zur Bewahrung von Weisheit, zur Naturverbundenheit und zur Überwindung existenzieller Ängste.
Durch Reisen nach Nord- und Westafrika (u. a. Tunesien, Marokko, Senegal) sammelte er mündliche Überlieferungen direkt vor Ort und untersuchte Erzählrhythmus, Gestik und Symbolik.
Er nutzt die geografische und historische Lage der Kanaren für den interkulturellen Dialog und lädt regelmäßig afrikanische Erzähler zum Festival Internacional del Cuento de Los Silos ein.
In Werken wie Cuentos africanos para dormir el miedo verbindet er animistische Motive (Bäume, Flüsse und Wind als lebendige Träger von Geschichten) mit zeitgenössischen sozialen Themen und eigenen Illustrationen.



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